Der Goldene Moment

Ich betrete gerade Neuland. Wie ein Forscher, der einen neuen Kontinent entdeckt hat, taste ich mich vorwärts und bin fasziniert und voller Angst. Es gab einen Moment vor langer Zeit, da musste ich mich schnell entscheiden, wie ich leben möchte. Kämpfen oder aufgeben? Ich habe mich fürs Kämpfen entschieden. Das hat sich mit den Jahren verselbstständigt. Ich funktioniere so gut, dass ich diesen Mechanismus nur noch bemerke, wenn ich Pause machen muss. Disziplin, Aufgaben erledigen, die einem wenig Spaß machen, die aber sein müssen – das sind Dinge, die ich sehr gut beherrsche. So gut, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich nichts mache.

In den vergangenen fünf Jahren habe ich diese Technik perfektioniert. Ich beschwere mich nicht. Ich habe viele Freundinnen und Freunde, denen es genauso gegangen ist oder geht. Kein Geld zu haben ist nunmal keine gute Option. Aber seit drei Wochen ist alles anders. Ich bin an diesem Punkt angekommen, auf den ich früher immer alles verschoben habe: „Wenn ich mal Zeit habe, dann mache ich dies und das“, dieser Gedanke hat mir schon viele anstrengende Momente versüßt.

Jetzt ist der goldene Moment da – und ich bin nicht so euphorisch, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hätte. Nix Drei Tage Wach – eher Kloster im Kopf. Wo ist die Leichtigkeit, wenn man sie mal braucht? Ich dachte, ich würde die ganze Zeit lachen, hüpfen, springen und tausend wahnsinnig kreative Dinge machen. Stattdessen denke ich die ganze Zeit nur nach. Ich habe ja jetzt Zeit. Erstaunlich, wie gut und wie viel man nachdenken kann. Wo einen der Kopf hinträgt, wenn man ihn mal lässt. Und das habe ich lange Zeit nicht gemacht. Viel zu lange. In meinem Schädel ist alles eingerostet. Ich sehe mir alte Fotos an, lasse Ereignisse Revue passieren, die irgendwie entscheidend für mich waren. Wie ein Forscher versuche ich meine Vergangenheit zu verstehen, um daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Aber eigentlich habe ich genau darauf keine Lust mehr. Jetzt habe ich fast 14 Jahre auf diesen Moment hingearbeitet, an dem alle Aufgaben erledigt sind. Jetzt will ich sein und nicht nächste Woche oder in zwei Jahren. Die Gegenwart ist doch eigentlich ziemlich grandios. Da muss man auf nichts warten. Das ist praktisch und erschreckend zugleich, denn das ist das Neuland. Ich entscheide tatsächlich selbst, was ich machen will, was ich machen muss, und was ich bleiben lassen kann. Ich mache das seit 14 Jahren, aber es hat so lange gedauert, bis ich das wirklich verstanden habe. Wo ist mein Fernglas? Auf zur nächsten Erkenntnis!

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s