La Bayadere – die Soap des 19. Jahrhunderts

Keine Leidenschaft  hat mich so konstant durch mein Leben begleitet hat wie das Ballett. Im Alter von drei oder vier Jahren habe ich in Freising bei Christina Ashton meine ersten Pliés gemacht – und nach einem Vierteljahrhundert (dass ich das jetzt sagen kann, ist schon etwas erschreckend) stehe ich wieder jede Woche bei ihr an der Stange und versuche, Haltung zu bewahren. Obwohl ich auch gerne schwimme und Rennrad fahre, erfüllt mich nichts so sehr wie diese Kombination aus Klaviermusik, Arm- und Handhaltung, Bein- und Fußarbeit. Es ist wie Mathematik: Alles ist ganz logisch, und es gibt meist nur einen richtigen Lösungsweg.

Letzte Woche klingelte mein Handy und meine Cousine Gudu fragte, ob ich mit ihrer Tochter ins Bayerische Nationaltheater gehen will. La Bayadere lief, und die Karten drohten zu verfallen, weil ein anderer abgesagt hatte. Da habe ich mich natürlich ganz uneigennützig geopfert und bin hingegangen. Es war ein fantastischer Abend. Das lag natürlich auch an meiner bezaubernden Begleitung, die mit ihren 14 Jahren Anmut, Grazie und Selbstbewusstsein vereint. Clara, Großes steht dir noch bevor!

La Bayadere, ein russisches Ballett aus dem 19. Jahrhundert, handelt von zwei Frauen und einem Mann. In diese Konstellation ist die Spannung ja schon eingebaut. Vor dem Hintergrund eines indischen Tempels nimmt das Drama seinen Lauf. Nikija ist die Tempeltänzerin, in die der Große Brahmane so verliebt ist, dass er ihretwegen sogar auf seinen Titel verzichten will. Das lehnt sie dankend ab, denn sie ist schwer in den Krieger Solor verliebt. Bei ihrem Stelldichein abends vor dem Tempel beobachtet der Große Brahmane das Treiben und ist entgeistert. Denn Solor soll eigentlich Gamzatti, die Tochter des Radschas heiraten. Als der Radscha Gamzatti ein Bild von Solor zeigt, ist sie auch beeindruckt. Der Große Brahmane läuft natürlich sofort zum Radscha und petzt. Leider beschließt der Herrscher: Nikija muss weg – und zwar für immer. Auch Gamzatti bekommt mit, wem Solor sein Herz geschenkt hat. Sie versucht, Nikija mit Schmuck und Geld zu bestechen. Die flippt daraufhin aus und prügelt sich mit der Prinzessin. Catfight im Ballett – hab ich auch noch nicht gesehen. Bei einem Fest stellt Solor fest, dass Gamzatti doch nicht so schlecht ist. Gerade als er mit ihr rumschmust, kommt natürlich Nikija dazu. Entsetzen ist gar kein Ausdruck. Ein bisserl heitert sie zwar der Blumenstrauß auf, den sie ohne es zu wissen vom Radscha geschenkt bekommt. Die freue wärt nur kurz, denn im Bouquet ist eine Schlange versteckt, deren Biss natürlich tödlich ist. Der Große Brahmane will die so gepeinigte Nikija noch mit dem Gegengift retten, die aber lehnt dankend ab. In der folgenden Nacht betäubt Solor seinen Schmerz mit Opium und trifft im Reich der Schatten auf Nikija. Die lässt ihn gleich nochmal schwören, dass er auf ewig nur sie lieben wird. Als er erwacht, ist auch schon Hochzeit mit Gamzatti angesagt. Er ist zwar hin- und hergerissen, entscheidet sich dann aber lieber für die lebendige Frau. Daraufhin stützt der Tempel ein – alle tot. Aber im letzten Bild Erleichterung: Jetzt sind alle drei glücklich im Himmel vereint.

Was für eine Geschichte. Total emanzipierte Frauen, haha! Aber wenn halt nur ein Typ zur Wahl steht, kann man schon mal zickig werden. Dass ein Blumenstrauß in so einer Situation nichts Gutes bringt, kann man sich aber eigentlich denken. Zudem habe ich noch nie eine so deutliche Metapher des Weiblichen als Bühnenbild gesehen. Und dann steigt auch noch der Geist der toten Nikija aus dem Ding heraus. Aber im 19. Jahrhundert waren Frauen eben komplett von ihren Emotionen gesteuert. Die konnten ja nichts dafür, dass sie so verrückt sind.

Da wir die Hammer-Plätze in der ersten Reihe vor dem Orchester und der Bühne hatten, konnten wir alles genau beobachten. Mir hat Ivy Amista, die mit Gamzatti ihr Rollendebut gab, am besten gefallen. Sie tanzt nicht nur technisch perfekt, sondern sie sie flirtet – mit ihrer Rolle, mit den Tänzern, dem Publikum. Die restlichen Tänzerinnen und Tänzer waren natürlich auch sehr gut. Da gibt es nichts. Im Gegensatz zu anderen klassischen Stücken wie Schwanensee gibt es bei La Bayadere eine gute Mischung aus Dramatik und Liebesschmalz, aber auch viel Humor und vor allem tolle Kostüme. Besonders berührend fand ich den Zug der Schatten. Diese 30 grazilen Frauen, die alle im Chor in die Arabesque gehen, ein Schritt, Arabesque, ein Schritt. Alle in der Höhe versetzt. Wie ein Gemälde von Degas.

La Bayadere läuft noch bis Juni. Mehr Infos hier:

http://www.bayerische.staatsoper.de/882-ZG9tPWRvbTEmaWQ9NzcmbD1kZSZ0ZXJtaW49NDY0NA-~spielplan~oper~veranstaltungen~termine.html

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