Reading Marilyn

Marilyn Monroe ist eine Person, der ich ambivalent gegenüber stehe. Einerseits nervt sie mich mit ihrem Puppenkörper, dem übertriebenen Gehabe und dieser vollkommen inszenierten Außendarstellung. Andererseits finde ich genau das auch so spannend an ihr.

Als ich mit meinem Studium begonnen habe, bin ich des öfteren an einem Antiquariat an der Theresienstraße vorbeigelaufen. Da stand vor der Tür ein Karton, in dem ein Fotodruck von Marilyn lehnte. Darauf sieht man Marilyn, wie sie auf einem weißen Rattansofa sitzt. Sie trägt ein Shirt mit angeschnittenem Rollkragen und eine Hose. Ihre Haare sind etwas zerzaust, Makeup hat sie nur ganz leicht aufgetragen. Sie liest in einer Zeitung, in der über ein aktuelles politisches Thema berichtet wird. Sie wirkt vollkommen interessiert und  absorbiert von ihren Gedanken zur dem Artikel, den sie gerade liest. Dabei sieht sie natürlich trotzdem rattenscharf aus.

Diese Inszenierung ist ein Moment, der auch mir sehr bekannt vorkommt. Wie oft habe ich mich schon dabei erwischt, wie ich posiere oder versuche, besonders interessiert und gleichzeitig furchtbar cool zu wirken? Wer auch immer Marilyn war – die Fotografien, die von ihr bekannt sind, sind alle inszeniert. Da war sie Medienprofi genug, um wenigstens zu versuchen, aus der blonde bombshell eine tiefgründige Frau zu machen, die auch vor James Joyce‘ Ulysses nicht Halt macht. Und ich will ihr  nicht unterstellen, dass sie keine war. Diese Bild, wie sie im bunten Badeanzug auf der Bank liegt und das Buch in der Mitte aufgeschlagen vor sich hat – einfach wundervoll!

Über vier Jahre bin ich an dem Bild vorbeigelaufen, und am Tag meiner letzen Prüfung habe ich es dann gekauft. In diesem Bild stecken so viele Antworten auf so viele Fragen, die ich mir noch gar nicht gestellt habe. Ich sehe es jetzt jeden Tag und kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Das Bild hat mich bestärkt, diesen Blog zu eröffnen. In mein Tagebuch schreibe ich Dinge, weil ich sie loswerden will, weil ich bestimmte Gefühle nicht mehr in mir haben will. In meinen Blog schreibe ich Dinge, zu denen ich noch nicht die richtige Antwort gefunden habe. Meine Hoffnung ist, dass die unzähligen Gedanken und Gefühle in der virtuellen Welt dabei helfen, die Antworten zu finden. Ich empfinde diesen Ort als sehr fruchtbar für einen solchen Vorgang.

PS: Ich habe vor kurzem zwei Filme über Marilyn gesehen. „My Week with Marilyn“ mit Michelle Williams und „Poupoupidou“, ein französischer Film. Nichts gegen Michelle. Ich mag sie wirklich gerne, aber in dem Film versucht sie zu sehr, Marilyn nachzumachen. Im direkten Vergleich kann man da nur verlieren, und das lenkt dann enorm vom Film ab. Besser man macht es wie im Episodenfilm „I am not there“ über Bob Dylan. Der Film versucht, sich dem Werdegang des Sängers zu nähern. Die Figur von Dylan wird dabei von Personen gespielt, die ihm fast nie ähnlich sehen. Dafür arbeiten sie Facetten heraus, die seiner Persönlichkeit wiederrum sehr nahe kommen. Übrigens spielt in einer Episode Cate Blanchett Dylan, und die sieht ihm auch sehr ähnlich.

Poupoupidou ist eigentlich ein Krimi. Es geht um den Tod von Candice, einem Mädchen, das in seiner eigenen Biographie viele Parallelen zu Marilyn zieht. Auch Candice ist eine selbstgewählte Kunstfigur, die immer öfter nicht mehr unterscheiden kann, wer sie ist, und wer ihre Rolle. Dieser Verwirrung erliegen auch viele andere.  Als sie ermordet wird, beginnt ein Schriftsteller, sich näher für sie zu interessieren. Und er kommt ihr verdammt nahe. Dieser Moment der Vermischung zwische Kunstfigur und echter Figur ist meiner Meinung nach auch für Marilyn entscheidend.

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