Lisboa oder How to relax in style

Wie ich jetzt schon des öfteren betont habe, versuche ich, die Kunst des entspannten Lebensgefühls zu erlernen. Ich mache auch – trotz gelegentlicher Einbrüche – echte Fortschritte. Wer sich in diesem Metier ebenfalls schwer tut, dem empfehle ich eine Woche Lissabon in Portugal. In dieser Stadt scheint das Gefühl erfunden worden zu sein.

Drei Stunden im Flieger und schon ist man da. Am Flughafen kauft man erstmal eine Zapping-Karte und lädt 10 Euro drauf. Mit diesem Karton kann man dann so gut wie jedes Fortbewegungsmittel in der Stadt nutzen – außer der Fähre. Ich erwähne das jetzt so ausdrücklich, denn am Schalter neben uns hat sich ein Amerikaner derartig aufgeregt, dass wir schon den Defibrilator gesucht haben. Verstanden haben wir die Aufregung nicht, weil wenn der Touri was falsch macht, macht der Lissabonner alles wieder heil mit einem Lächeln und einem netten Spruch. Da ist man als Deutscher im ersten Moment erstmal mißtrauisch ob so viel guter Laune. Aber die machen das nicht, um zu schleimen. Die sind so. Echt!

Gewohnt haben wir im Rossio Hostel, das ich nur wärmsten weiterempfehlen kann. Es liegt direkt am Rossio – wenn wir aus dem Fenster geschaut haben, waren da die Burg und die Altstadt in ihrer ganzen Pracht. Das Zimmer war wunderschön eingerichtet, das Bad neu und sauber. Zudem hat uns eine nette Frau jeden Morgen gefragt, ob wir lieber Rührei mit Toast (oder ohne für mich) oder Pfannkuchen mit Nutella (warum vertrage ich kein Weizen mehr, warum???) oder beides wollen. Das alles zu einem Preis, der mehr als in Ordnung ist.

Vom Rossio kann man die ganze Stadt und das Umland erreichen, denn neben der Metrostation liegt gleich der Bahnhof, der aussieht wie eine Filmkulisse von Tim Burton. Das Barrio Alto beginnt quasi hinter dem Hostel. Man muss nur etwa 400 Stufen erklimmen. Schwitz! Ist aber die Mühe wert, denn im ehemaligen Viertel der Reichen und Adeligen sind heute Bars und Restaurants jeden Geschmacks zu finden. Außerdem schauts da oben auch sehr schön aus. Besonders gefallen hat mit der kleine Park in der Nähe des Botanischen Gartens. Da kauft man sich am Kiosk ein Bier und sitzt unter schönen Jarcaranda-Bäumen mit lila Blüten. Der Spaziergang durch das Viertel Alfama mit der Burg und der Sé-Kathedrale ist aber auch nicht zu verachten. In Lissabon gibt es keine protzige Herrschaftsarchitektur wie in anderen Ländern. Hier wird man nicht von Kirchen und Palästen an seinen Platz in der Hackordnung verwiesen. Das mag vielleicht daran liegen, dass es die Portugiesen nie nötig hatten (schön wärs). Zum anderen hat ein Erdbeben die Stadt 1755 fast komplett zerstört. Alles musste neu gebaut werden. Da war vielleicht kein Geld mehr da für Angeberei. Deswegen gibt es auch so gut wie keine mittelalterlichen Gebäude mehr in der Stadt, dafür aber ein paar schöne Baurruinen wie das Convento do Carmo, von dem heute nur noch das Gerippe und die Außenwände der Kirche stehen. Darin ist das archäologische Museum untergebracht. Ansonsten hat der schöne Platz auch bei Nelkenrevolution 1974 eine entscheidende Rolle gespielt. Aber dieses Geheimnis darf der Leser selbst vor Ort herausfinden. Am besten von der Kneipe vor dem Portal aus bei einer leckeren, frisch gemachten Zitronenlimo. Eine andere schöne Bauruine ist der Palácio Ajuda in Belem. Da ist das Geld auch ausgegangen, und der Westflügel besteht heute aus einer Wand. Bis in die 1990er Jahren gab es immer wieder Versuche, das Ding zu vollenden. Ist aber immer gescheitert. Am Geld. Sieht aber sehr charmant aus. Kann man lassen.

Wenn man die Straße runtergeht und dann nach links, kommt man irgendwann zum Hieronymus-Kloster.  Wunderschön! Als wir da rumgelaufen sind, hat uns ein netter Mann angesprochen, ob wir auchmorgen  Abendkommen wollen? Da findet ein Fado-Konzert im Innenhof statt, das ganz toll wird. Und es war auch echt total toll! Carlos do Carmo, der dort seinen Auftritt hatte, ist anscheinend ein Altmeister in seinem Fach. Ich hab zwar nichts verstanden, aber an der Art der Musik, und wie die Leute alles mitgesungen haben, da hat es sich wieder offenbart: Der Lissabonner ist ein Optimist, keiner, der die schlimmen Zeiten  zwar nicht verdrängt, aber einer, der die guten Zeiten immer in seiner Trauer mitberücksichtigt. Dieser Zustand ist sein Ziel, auf das er hinarbeitet. Sehr sympathisch. Das liegt vielleicht auch an dem Wind, der stetig von Tejo aus durch die Stadt weht. Da sind 35 Grad sehr ertragbar, wenn man den Ventilator praktisch immer um sich hat.

In Lissabon ist man so entspannt, dass man sich auch überall anstellt ohne zu Murren – am Bus, am Eingang. Überall standen die brav herum und haben gewartet, bis sie dran waren. Wahnsinn! Die sind sogar so nett und halten am Berg an und fragen, ob man mitgenommen werden will ins Dorf. So geschehen in Sintra, als wir die Königsschlösser besucht haben. Da wir nicht den richtigen Weg gefunden haben, haben wir natürlich gleich zielstrebig den längsten und steilsten genommen. Aber irgendwann hat jeder Berg einen Gipfel, und schließlich standen wir am Eingang des Parks des Palácio da Pena. Der Park und der Palast wurden im 19. Jahrhundert errichtet, und wer jetzt meint, im Disneyland oder in Neuschwanstein gelandet zu sein, liegt beides Mal richtig. Der Baumeister des Palácio war von Neuschwanstein inspiriert und Walt Disney ebenfalls. Echt kitschig, aber so süß.

Und jetzt das schönste zu Schluss: das Essen. In Portugal gibt es viel Fisch, viel Fleisch und viel Nachspeise. Mit Salat und Gemüseeintopf haben die es da nicht so, macht aber nichts. Am besten gegessen haben wir im Caldo Verde (Rua de Esperanca). Da stand der Grill gleich auf der Straße, das fanden wir sympathisch. Aber am besten, also wirklich richtig extrem bis in die Zehenspitzen lecker, waren die Pasteis de Belem in der gleichnamigen Konditorei. Im Grunde sind das Blätterteighüllen (Okay, Weizen, aber ganz wenig) in die eine Puddingmischung gefüllt wird. Mmmmmhhhh!

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