Venezia con il fratello

Um es schon einmal vorwegzuschicken. Anfang August nach Venedig zu fahren ist nur dann eine gute Idee, wenn man so hitzebeständig ist wie eine Teflonpfanne. Allen anderen empfehle ich jede andere Jahreszeit.

Dass mein Kurztrip trotzdem wunderschön war, liegt nicht zuletzt an meiner Begleitung. Zum ersten Mal bin ich mit meinem Bruder alleine weggefahren. Und das war so schön, dass ich es gleich wieder machen will. Nach einer sehr interessanten Zugfahrt (noch so eine Sache, die ich nur noch bedingt weiterempfehlen möchte) standen wir um 7 Uhr morgens im Bahnhof Venezia St. Lucia. Der Bahnhof liegt direkt am Canale Grande. Ausgestattet mit einem Sieben-Tage-Ticket für die öffentlichen Boote, haben wir gemeinsam in fünf Tagen die Stadt erkundet. Und wir waren trotz gefühlter 100 Grad wirklich überall. Xaver und ich haben uns jedes Viertel angesehen und sind auch nach Murano gefahren. Mein Bruder war sogar so nett, einen Tag für mich und die Biennale zu opfern, die dort noch bis November läuft. Ganz ohne Nörgeln – seinerseits. Ich bin begeistert.

Massimo Gioni ist diesmal der verantwortliche Kurator für die Ausstellung im Arsenale. The Encylopedic Palace blickt aus den Augen verschiedenster Künstler auf die Welt. Dabei gibt es Positionen wie die Arbeit Grosse Fatigue von Camile Henrot, in denen die Französin in einem interaktiven Programm die Entstehung der Welt darstellt. In diesem Film spricht eine angenehm tiefe Stimme einen Text, der von den verschiedenen Mythen der Erdentstehung erzählt, während immer neue Fenster aufpoppen, in denen entweder Fundstücke aus dem Museum oder Naturaufnahmen miteinander verknüpft werden. Erstaunliche Dinge bekommt man da zu sehen und zu hören. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir auch die Tonfiguren des Japaners Shinichi Sawada. Seit 2001 stellt er Drachen, Dämonen oder totemähnlichen Figuren her. Sawada ist Autist und hat aufgrund dessen seine eigene, eigentlich sehr ungefilterte Wahrnehmung der Welt. Überhaupt präsentiert Gioni viele Künstler, die als Outsider-Künstler bezeichnet werden. Also Kunst jenseits etablierter Kunstformen wie zum Beispiel die Art Brut, die im Grunde Kunstwerke psychisch kranker Menschen vereint. Aber eigentlich verleihen Outsider-Künstler ihren Gefühlen Ausdruck ohne dafür gleich ein breites, zahlendes und Beifall klatschendes Publikum zu suchen oder zu erwarten. Wie äußerst angenehm, wenn man bedenkt, was für ein hochpreisiges Schaulaufen im Kunstbetrieb stattfindet. Auch die Arbeiten des Polen Pawel Althamer und seiner Künstlergruppe Almech, Venetians, erzeugen in mir ein ehrliches Gefühl. Viele Projekte des Künstlers sind darauf ausgelegt, dass Menschen aus seinem Umfeld möglichst viel davon haben. Entweder indem er sie die Objekte, in diesem Fall skeletthafte Statuen, bauen lässt oder indem er sie auf Ausstellungseröffnungen mitnimmt. Als die Pawel Althamer/Ulrike Ottinger-Ausstellung in der Sammlung Goetz in München eröffnet wurde, reiste er mit 20 Leuten in goldenen Anzügen im goldenen Reisebus an und sorgte für ordentliches Augenblinkern.

Natürlich sind wir auch in die Giardini gegangen, obwohl das bei 45 Grad in der Sonne (gefühlt mindestens) gar keine Selbstverständlichkeit ist. Wir haben nicht alle Pavillons angesehen. Da muss man als Kunsthistoriker mal Mut zu Lücke haben. Gesehen haben wir den englischen Pavillon, in dem sich Jeremy Deller ausgetobt hat. Ich fand seine bunten, gesellschaftskritischen Wandbilder sehr lustig. Außerdem gab es da Tee für jeden Besucher, was ja sowieso eine kluge und schöne Geste ist. So gestärkt huschten wir in den französischen (deutschen) Pavillon (die Länder haben ja diesmal die Location getauscht) und lauschten der Arbeit Ravel Ravel Unravel von Anri Sala. Der hat das Klavierkonzert für die linke Hand in D von Maurice Ravel aufgezeichnet und neu zusammengesetzt. Man sieht die linke Hand zweier Pianisten, die zeitversetzt, dasselbe spielen. Nicht nur, dass der Sound einen weggepustet hat, sondern dass die Musik auch überhaupt nicht schief oder falsch war: Sie war außerirdisch schön. (Zudem hat da die Klimaanlage funktioniert, vielleicht hat das die Fazination auch verstärkt.)

Ansonsten haben wir es uns sehr gut gehen lassen. Venedig ist eine wunderschöne Stadt, die Kanäle sind zauberhaft, genauso wie die Architektur. Große Künstler wie Tizian haben hier ihre Spuren hinterlassen. Trotzdem ist die Stadt ein einziges Museum. Es gibt unzählige Museen und Kirchen, aber kein einziges richtiges Buchgeschäft. Man muss suchen, um venezianisches Alltagsleben zu finden. Auch gibt es tausende Restaurants, die meisten davon sind aber Schrott. Ein besonderes Kleinod ist das Gam Gam, ein jüdisches Restaurant am Cannaregio. Super Essen, viele verschiedene Gerichte und sehr nette Mitarbeiter. Lecker, lecker.

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