Mein Baby gehört mir!

Ich stehe vor einem Aufzug und eine mir unbekannte Frau beugt sich über meinen Kinderwagen. Ohne etwas zu sagen, schnipst sie dreimal zackig mit den Fingern über der Nase meines Kindes bevor sie mich anbellt: „Junge oder Mädchen? Wie alt?“ Nachdem ich ihr wie ein kleiner Suppensoldat brav geantwortet habe, betreten wir den Aufzug. Aber das Verhör ist noch nicht beendet: „Wieso zieht deine Mutter dich viel zu warm an? Dir reicht doch ein kurzer Body!“

So und ähnlich geht es mir seit 16 Wochen. Ich habe mich immer gefragt, wie sich Jogi Löw wohl fühlen muss, wenn 87 Millionen Trainer und ein paar superschlaue Journalisten ihm raten, wie er seinen Job zu machen hat. Jetzt weiß ich es.

Ich habe Abitur in einem musischen Gymnasium gemacht, ich habe eine Ausbildung als Redakteurin, ich habe ein abgeschlossenes Studium der Kunstgeschichte. Mein Sehsinn und mein Denkvermögen sind quasi auf Hochglanz poliert. Trotzdem scheine ich auf andere den Eindruck zu machen, als wäre ich unfähig, meine fünf Sinne zu nutzen. Es gibt in Dirty Dancing doch diese Szene, in der Patrick Swayze seinem Baby erklärt: „Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich.“ Diese Grenzen zu verstehen ist wichtig, vor allem in einer Situation, die so beengt ist, dass man instinktiv flüchten möchte. In Aufzügen oder stramm gefüllten U-Bahnen haben 90 Prozent aller Fahrgäste entweder Stöpsel im Ohr, sie schauen auf ihr Handy oder blicken mit glasigem Blick auf freie Flächen, nur um den Gefühl zu entfliehen, dass ihnen fremde Leute gezwungenermaßen auf die Pelle rücken. Die meisten respektieren den Tanzbereich des anderen, weil sie in ihrem auch nicht gestört werden wollen. Ein Baby scheint keine eigenen Tanzbereich zu haben. Ständig hängt ungefragt irgendein Zinken über seinem Gesicht. Da kann ich nur sagen: „Runzelnase raus aus meinem Kinderwagen!“

Was ist denn eigentlich los? Haben die Leute ihre gute Erziehung vergessen? Gehe ich durch die Stadt und verteile gute Ratschläge? Für oben beschriebene Frau hätte ich einige in petto gehabt, unter anderem, dass da sehr wahrscheinlich ein großer Zusammenhang zwischen ihrem Zigarettenatem und dem Asthmaspray in ihrer Hand besteht. Allerdings hätte ich das vielleicht zu ihrer Kippenschachtel sagen müssen. Denn mit mir reden die Leute ja gar nicht. Das trauen sie sich nicht. Die Hinweise zu meiner allgemeine Unfähigkeit als Mutter werden immer direkt an meinen Sohn adressiert. „Wieso bist du so warm angezogen? Du bist doch hungrig, müde, zu kalt oder zu warm angezogen, keine Mütze, etcetera, etcetera.“

Tja, Klagen, Klagen, Klagen – aber was macht man jetzt daraus? Was ich so mitbekomme, geht es ungefähr jeder Mutter so. Mir wäre es natürlich am liebsten, die Leute würden sich einfach um ihr eigenes Zeug kümmern, dann müsste ich mir jetzt gar nicht überlegen, wie ich reagieren soll. Anpfeifen will ich eigentlich auch nicht alle, weil das regt mich auf und davon bekomme ich Falten um die Augen. Ich werde jetzt dann 30 – da müssen andere Methoden her. Vielleicht sage ich das nächste Mal: „Entschuldigen Sie bitte, aber der kann nur koreanisch!“

2 Gedanken zu “Mein Baby gehört mir!

  1. Haha großartig! Vielleicht gibt es ja einen Teddy mit Aufnahmefunktion, der in derartigen Situationen Sprüche wie „It’s none of your business, madam!“ abspielen lässt 🙂

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