Die große Gelassenheit

Während ich das hier schreibe, versinkt neben mir im Fenster gerade eine orangefarbene Wintersonne und malt den Himmel grün und blau. Mein Sohn sitzt vor seiner Schatztruhe, wühlt herum und erzählt wilde Geschichten. Mein Mann liegt auf dem Sofa und döst. Szenen wie diese hätte es vergangenes Jahr noch nicht gegeben, und das liegt nicht nur daran, dass es Anton noch nicht gab. Solche Familienszenen erfordern die Fähigkeit, sich zu entspannen, den Moment zu genießen. Sie erfordern Gelassenheit.

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Diese Eigenschaft war bei mir in den vergangenen zehn Jahren relativ abwesend. Wer hat Zeit für sowas, wenn er erst ein Volontariat bei der Tageszeitung macht, dann studiert und nebenbei und mittendrin noch das nötige Kleingeld dazu verdient. Ich will nicht sagen, dass ich es nicht genossen habe. Druck macht einen ziemlich high, während er einen ausbrennt. Aber irgendwie kommt man sonst nicht voran – zumindest habe ich keinen anderen Weg gefunden.

Aber jetzt, hier, Anfang Januar 2015 in meinem Wohnzimmer kann ich einfach sitzen und den Moment genießen. Meine Güte – wie oberkitschig. Um hier nicht unnötig weiterzutriefen, schnell weiter im Text.

Mein Sohn hat mir nicht nur beigebracht hat, wie geduldig sein bedeutet. Mit ihm ist bei uns eine große Gelassenheit eingezogen. Die vergangenen neun Monate waren intensiv, oft anstrengend und noch öfters sind sie einem direkt ins Herz geschossen. Es ist mir eine Ehre, Anton dabei zu begleiten, wie er sich das Leben erobert.

Ich bin seit vier Wochen wieder zurück am Arbeitsplatz. Der Alltag, die fiese Sau, hat schon des öfteren versucht, sich wieder durch mein Nervenkostüm zu beißen. Aber bisher war es immer so, dass ich nach Dienstschluss in mein Auto gestiegen bin, und je näher ich meinem Zuhause gekommen bin, desto ruhiger bin ich geworden. Wer kann sich schon über irgendwas aufregen, wenn es mit einem Freudenschrei begrüßt wird, gefolgt von einer wilden Krabbelei?

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Zusammengefasst kann ich sagen, dass sich mein Leben in 2014 für den Rest meines Daseins verändert hat. Ich stehe jetzt ein- bis zweimal in der Nacht auf, um meinen Sohn in den Arm zu nehmen, weil er unruhig ist. Ich bin Experte im Entfernen jedweder Flecken geworden, ich schaue mir nur noch seichte Liebeskomödien an, weil die sind nett und um elf bin ich eh im Bett. Mittlerweile muss ich mein Outfit nicht danach überprüfen, ob es dem Anlass entspricht sondern ob da noch irgendwo Essensreste oder Kotzeflecken sind. Aber der Punkt ist: Das ist mein Leben. Was daraus folgt ist: Meine Arbeit ist meine Arbeit. Diese Unterscheidung, die mir jetzt erst klar geworden ist, hat mir still und leise den Platz dafür geschaffen, meinem Herzen Zeit zu geben, die Dinge wahrzunehmen.

So und jetzt muss ich schließen. Mein Sohn dreht die Stereoanlage hoch. Its time to disco!

 

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