This is 30

Seit knapp drei Wochen bin ich offiziell 30. Ich habe einen festen Job, einen Ehemann, einen Sohn und noch keine Schulden. Ach so: Ich bin auch ziemlich schlank und habe aus einem Meter Entfernung noch keine sichtbaren Furchen in der Friese. Jetzt kann ich ohne Übertreibung sagen: Ich habe es geschafft! Geil, nicht wahr?

Oh Mann, wie ätzend. Manchmal sind diese gesellschaftlichen Zwänge so bescheuert, dass es fast schon wieder lustig ist. Männer geraten mit 30 in die Krise, weil sie noch nicht genügend Tussen geknallt haben und Frauen, weil sie vielleicht schon zuviele echte Kerle in der Kiste hatten, die sich dann aber ganz unspezifisch spezifisch wieder aus dem Staub gemacht haben. Gut, vielleicht macht mich diese Zahl auch nicht fertig, weil ich diese Dinge erreicht habe – bis auf die Falten – da bräuchte es an manchen Tagen eher fünf Meter Sicherheitsabstand. Ich will auch gar nicht so tun, als ob mich gesellschaftliche Zwänge kalt lassen – das tun sie zum großen Teil natürlich nicht. Aber auf der anderen Seite spricht auch keiner darüber, wie hammermäßig super es ist, 30 zu sein.

Mein erstes Lebensjahrzehnt habe ich eigentlich ganz idylisch verbracht – zumindest erinnere ich mich an viele schöne Situationen. Mein zweites Lebensjahrzehnt war da schon turbolenter. Neue Schule, neue Leute, neue Position, Rosenkrieg-Scheidung, Pubertät, warten bis man endlich 18 ist und ausziehen kann, Abi, Geld verdienen. Das hat dann schön übergeleitet in die 20er Jahre, die geprägt waren von Party, Party, Arbeiten, seltsamen Beziehungen, Studium, Hochzeit und am kurz vor Schluss noch einer Schwangerschaft. Und immer mit von der Partie: konstante Überforderung aufgrund konstanter Überarbeitung aufgrund konstant kritischem Kontostand, Selbstzweifel und die daraus einzig mögliche Schlussforderung, dass doch alles viel besser wäre, wenn man nur endlich fünf Kilo weniger wiegen würde. Meine Güte, ich bin echt nicht blöd, ich würde sogar sagen, dass ich eher schlau bin und ziemlich reflektiert – aber manche Dinge kann ich einfach nicht abstellen.

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Das bringt mich zum Jahr 2015, das mir aufgrund einer simplen Zahlenfolge einen lässigen Neuanfang gewährt hat: das vierte Lebensjahrzehnt – frisch wie ein Babypopo. Wie schon im Januar berichtet, haben sich in meinem Seelenleben gewisse Merkmale zum Positiven entwickelt. Ich bin gelassener, ich kann mich selbst besser beurteilen und aufgrund dieser Klarheit bin ich so frei mir zuzugestehen, dass ich super bin. Oder zumindest ziemlich gut. (Manchmal wäre ich gerne ein Mann. Ich kenne so viele, die stellen sich hin und sagen: Ich bin der geilste, ich kann nichts dafür! Und auch wenn ich mir oft denke: Du eingebildeter Depp! bin ich manchmal auch neidisch auf diese Fähigkeit der absoluten Selbstüberhöhung. Frauen, oder zumindest die meisten die ich kenne – mich eingeschlossen – tendieren ja lieber zum Gegenteil.)

Obwohl ich jetzt 30 bin und mir ein Blick in die neue Staffel GNT genügt, um zu wissen, dass meine Haut nie wieder so zart sein wird, möchte ich mit diesen 16-jährigen Mädchen nicht tauschen. Alles war so anstrengend mit 16, auch das Arrogantsein. Und meinen Körper mochte ich trotz zartester Haut nicht besonders. Jetzt nach fast derselben Zeitspanne mag ich ihn sogar sehr. Dieser Körper kann Menschen hervorbringen und sie ernähren, er ist stark und weiblich, er ist schön.

Im Moment zeigen wir in der Sammlung Goetz Arbeiten der amerikanischen Fotografie-Künstlerin Cindy Sherman. Sie ist die Königin des Klischees. Vor allem in ihren jüngeren Arbeiten zeigt sie, warum das Schönheitsideal nur eine Falle ist. Jede Annäherung an ein Vorbild oder das vergangene Abbild einer selbst, kann nur in der Lächerlichkeit enden. Ihr gelingt es zu zeigen, dass es schon 1465 lächerlich und absurd war, sich die Haare bis zur Mitte des Kopfes abzurasieren, weil man dann als schön und intelligent galt. So absurd ist es auch heute, wenn Frauen sich mit allen Mitteln dem Ideal näher, dass anscheinend jetzt in ist: der Gesichtausdruck im ewigen Erschrecken festgefroren mit den passend dazu aufgeworfenen, mit Farbe zulackierten Lippen und soviel Silikon im Hemd, dass die Haut zwischen den Brüsten abhebt. Dann noch schnell die Selfiepose mit passender Fotoverschönerungsapp und fertig. Der Kampf Schönheit versus Künstlichkeit scheint verloren.

Das stimmt nur zum Teil, und mir kann das nicht passieren – ich hab gar nicht genügend Kohle für diese Art der Selbstkasteiung. Und natürlich habe auch ich eine Idealvorstellung, und die heißt Carrie Bradshaw – der Kleiderschrank, nicht die Frau, da bin ich wohl eher Miranda. Diese Outfits – kreiiert von Patricia Field – sind so zeitlos, dass sie auch 2015 noch funktionieren. Wenn ich es jetzt so schreibe, dann wird mir klar, dass meine Krise deswegen noch nicht da ist, weil diese Serie beginnt, als diese Frauen um die 32 Jahre alt sind. Also fragt mich nochmal in zehn Jahren, wie es mir so geht und ob ich noch immer so verdammt noch mal bei mir selbst bin. Wenn ich euch dann erschrocken anblicke, muss das nicht unbedingt an der Frage liegen!

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2 Gedanken zu “This is 30

  1. Kathi, was für ein wunderbarer Text. Erstmal alles Liebe nachträglich:) ich hab ja noch ein Jahr hin – aber diese Herangehensweise klingt so gut und frei, das wünsche ich mir auch. Du bist ziemlich super, ich finde, wir Frauen sollten uns das sowieso öfter sagen:) und ich lese immer noch still und leise mit:) Liebe Grüsse!

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