Call me Doctor No!

Ach ja, Kindererziehung. Theoretisch weiß man das alles. Hat man ja selbst erlebt. Praktisch kommt es mir so vor, als würde ich seit Monaten nur noch ein Wort benutzen: Nein! Was ich alles verbiete, meine Güte! Abends tut mir da nicht nur der Anton Leid.

Bevor ich Kinder hatte, war alles ganz einfach: „Mein Kind dürfte nie…. Ich würde meinem Kind nie erlauben…“ Was für ein romantischer Quatsch! Anton ist jetzt 2 Jahre alt und sein eigener Mensch. Das ist er schon seit seiner Geburt, aber jetzt fängt er an, sich dessen auch auf der rationalen Ebene bewusst zu werden.Das führt oft zu lustigen und süßen Situationen. Als ich ihm vor kurzem erklärt habe, dass ich ihn nicht immer tragen kann, weil ich ja schon seine Schwester im Bauch habe, hat er sich kurzerhand hingelegt. Auf die Straße. Mitten in der Stadt. Biopolitik wie aus dem Lehrbuch. Da musst er auch gar nicht mehr nörgeln. Natürlich gab es hunderte Kommentare. Und natürlich habe ich ihn nicht aufgehoben. Stur sein? Das Spiel habe ich erfunden. Nach 20 Minuten kam dann der Papa mit dem Fahrradanhänger. Anton ist wortlos aufgestanden und hat sich in den Wagen gesetzt. Respekt – konsequent durchgezogen, mein Sohn.

In unserer Familie wird viel diskutiert. Argumente und Meinungsaustausch sind ein wichtiger Bestandteil  unserer Beziehung zueinander. Kurz: Hier wird des ganzen Tag gequatscht und gequakt. Vielleicht hat Anton auch deswegen schon so früh zu sprechen begonnen. Diese Fähigkeit nutzt er jetzt auch. Letztens stand er vor dem Tisch und erklärte: „Anton will jetzt sausen.“ Allerdings wollte er dazu auch sein volles Wasserglas mitnehmen. Als ich ihm erklärte, dass er das Glas da lassen soll, weil es zerbrechen und er sich dann verletzen könnte, sagte er voll Überzeugung: „Aber Glas will auch sausen.“ 26 Monate und schon voll in der Kunst der logischen Argumentation bewandert.

Als ich mit 15 Jahren begonnen habe, bei meiner Cousine zu babysitten, war ich oft erstaunt. Ständig hat sie ihrer einjährigen Tochter erklärt, warum sie dies oder jenes nicht tun darf. Mittlerweile mache ich das auch. Es ist immer leichter, Verbote zu akzeptieren, wenn man weiß warum. Und für mich ist es gut, weil es weit weniger meine Autorität in Frage stellt, Teil einer Erklärung zu sein, als wenn man nicht auf mich hört. Das heißt natürlich nicht, dass einmal erklären reicht. Nein, nein, jeden Tag, immer wieder. Und oft hilft dann doch am besten, wenn man sich mal die Pfoten selbst verbrennt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als Anton letztens doch mal den heißen Grill angelangt hat, hat er aber versucht, gar nicht zu weinen, weil er ja wusste, dass wir es ihm verboten haben. Manu und ich haben nicht geschimpft, sondern gekühlt, getröstet und erklärt. Seitdem warnt Anton jeden, der den Balkon betritt: „Achtung, der Grill ist wirklich einfach heiß!“

So weit so gut. Bis ich allerdings an diesem Punkt war, sind einige gernervte und gestresste Abende an mir vorbei gezogen. Ich bin nicht der Mensch, der anderen sagt, was sie zu tun haben. Ich kann es akzeptieren, wenn jemand nicht nach meinen Spielregeln spielen will. Ich spiele halt dann nicht mehr mit ihm. Bei meinem Kind funktioniert das aber nicht. Manu und ich ist klar geworden, dass wir, um unserem Kind eine Richtung geben zu können, erstmal uns selbst erziehen müssen. Wir kennen ja die Alternativen, aber Anton noch nicht. Wie soll er also eine Wahl treffen?  Ich sage also weiterhin Nein und Anton auch. Denn das das ganze andersrum genauso funktioniert, das hat er mittlerweile auch kapiert. Und so beginnt das Spiel jeden Tag von vorne: „Willst nicht Schlafanzug ausziehen, willst nicht Zähne putzen, willst nicht Gesicht waschen.“ Ach ja, freu ich mich schon wieder auf den nächsten Prosecco.

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3 Gedanken zu “Call me Doctor No!

  1. Nur aus Erfahrungen können die Kleinen lernen. Und auch wir Eltern müssen neue Erfahrungen machen, damit wir einen goldenen Mittelweg, für beide Seiten, gehen können.

      1. Genau so wird es sein. Und vielleicht wird es auch hin und wieder keinen Mittelweg geben. Doch irgendwann sind die Kleinen alt genug, um sich gemeinsam mit den Eltern für eine Richtung zu entscheiden.
        LG

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