Sternstunden des Versagens

Ich tanze Ballett, seit ich drei Jahre alt bin. Nicht durchgehend – zwischendurch gab es mal Pausen. Aber ich kehre immer wieder zurück. Ballett ist logisch, die Klaviermusik ist angenehm. In diesen Übungen kann ich endlich meinen angeknipsten Geist ausschalten. Denn sie sind unendlich anspruchsvoll und sehen so leicht aus. Das Ballett und mein Leben haben viel gemeinsam: In beidem versage ich ständig und bewahre dabei trotzdem Haltung.

Der erste Auftritt mit 5 Jahren.
„Frederick, die Maus“, nicht mehr bei Christina. Aber auf jeden Fall dank ihr!

Wer diese Gefühl an der Stange zu stehen nicht kennt, dem sei hier ein kleiner Einblick gewährt: Kopf hoch! Schultern runter! Bauch rein! Füße strecken! Knie nach außen! Bauch rein! Atmen! Lächeln! Feste Körperhaltung und trotzdem geschmeidig bleiben! Plie, Jette, Passe! Und alles gleichzeitig bitte! Et voila: Es ist vollkommen unmöglich, das alles gleichzeitig zu machen.

Wer keine Kinder hat, dem sei hier ein kleiner Enblick gewährt: Aufstehen! Sich selbst motivieren! Kinder motivieren! Kinder anziehen! Waschen, Zähne putzen, mit der Zahnbürste hinterherlaufen! Zuhören! Kuscheln! Frühstück machen! Ab in die Schuhe, ab ins Auto; Parkplatz finden! Kindergartenschuhe suchen! Kind abgeben! Fertig. Weiteren Tag planen: Wohnung aufräumen! Waschmaschine anstellen! Vorhandene Kinder anziehen! Einkaufen fahren! Im Geschäft die abends vorgefertigte Liste bestellen und an der Kasse feststellen, dass der Geldbeutel nicht da ist! Währenddessen krabbelt Rosi aus dem Geschäft, Carla will eine Wiener, und im Internet steht, dass man die Kinder nicht so viel Fernsehen lassen soll.

Ich muss lachen, während ich das schreibe. Was sind das für Leute, deren Kinder nie fernsehen? Ich habe diesen Job wirklich gut im Griff. Ich habe ein gutes Vorratssystem, gute Einkaufslisten, gute To-Do-Listen, ich erledige alles eins nach dem anderen. Ich schreie erst los, wenn die ersten drei Male, in denen ich höflich und nett erklärt habe, nicht fruchten. Aber ich bin so angeknipst, dass ich Schwierigkeiten habe, einzuschlafen, obwohl ich so müde bin. Und dabei habe ich nicht mal das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Mein Fernseher und mein Prosecco sind meine Ballettstange, die die nötige Distanz wiederherstellen. Kopf hoch! Schultern runter!

Trotz all dieser ganzen To-Do muss ich mich fragen: Dieser Perfektionismus. Was soll das? Oft bin ich nur am Machen, weil ich sonst feststelle, wie erschöpft ich bin. Ich will, dass meine Kindern humorvoll, selbstbewusst und liebevoll sind. Dass sie fähig sind, sich in der Welt zu behaupten, sich schützen können vor dem Unsinn und der Gewalt, die da teilweise herrschen. Ich will, dass sie Haltung bewahren können und stets das Fundament kennen und fühlen, auf dem sie stehen.

Ich tanze übrigens nicht auf Spitze. Ich hatte mal ein paar Stunden und habe dann festgestellt: „Bis ich hier wieder elegant aussehe, vergehen ein paar Jahre.“ Also habe ich es aufgegeben und kein schlechtes Gewissen. Ich wünschte, ich könnte behaupten, das ich auch so reagiere, wenn ich mal wieder ausflippe, weil diese Satansbraten manchmal einfach nicht aufhören. Aber es gelingt mir nicht, ich flipppe aus, ich habe ein schlechtes Gewissen und fange wieder von vorne an. Täglich. Das Scheitern gehört zum Muttersein, wie die Gummibärchen zur Grundausstattung der Wickeltasche. Es geht nur darum, stets die Haltung zu bewahren.

Und hier meine Art zu kaschieren, dass ich keinen Spagat kann. Also nur im Ballettsaal nicht.
Roter Kopf, gestreckter Fuß.
Der Blick nach oben, der sich in den vergangenen 30 Jahren nicht geändert hat.

PS: Vor 30 Jahren habe ich bei Christina Ashton in Freising mit dem Tanzen begonnen und bin stets zurück gekehrt. Der Blick von der Stange aus in den Innenhof der Altstadtgalerie, der Blick vom Boden aus auf die pink umrandeten Lichtkästen, die Ballettmusik und diese wundervolle strenge, fantasievolle und lustige Lehrerin lösen in mir ein Gefühl der Geborgenheit aus. Danke dafür!

2 Gedanken zu “Sternstunden des Versagens

  1. Ich hab mich selten so sehr in etwas wiedergefunden, wie in diesen Worten, liebe Kathi. Danke! Wie oft hätte mir vor 15 Jahren, als meine Kröten so alt waren wie eure jetzt, eine Verbündete wie dich gewünscht, die den oft so schmerzenden Spagat zwischen liebender Mama und überforderter Frau, zwischen unbändigem Stolz und ständiger Angst, irgendwas nicht zu schaffen, einfach mal ehrlich ausspricht. Aus heutiger Sicht kann ich dir sagen: Es hört nie auf, anstrengend zu sein. Es hört aber auch nie auf, wunderschön zu sein. Und irgendwann sind die Kröten dann auf Augenhöhe, schimpfen mit dir zusammen auf die AfD, diskutieren mit dir bis in die Puppen über Gott und die Welt und darüber, wie wir sie gemeinsam wieder besser und schöner machen können. Und wenn du dann mit deinen Mäusen später mal eine Flasche Prosecco köpfst, um eine Seriennacht einzuläuten, weißt du wieder einmal ganz genau, dass sich alles, aber auch wirklich alles an Anstrengung und Müdigkeit gelohnt hat. Weil du nie im Leben wacher bist als dann, wenn die Kinder dich vom Schlafen abhalten. Egal, wie alt sie sind.

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